Warum an 8 Stunden Schlaf nicht zu denken ist…

Es ist Frühling und wer gähnt da nicht ab und zu und einmal zu viel? Doch woher diese Müdigkeit? Woher dieses schläfrige Gefühl? Vielleicht hilft es zu wissen, dass wir nicht für 8 Stunden Schlaf gemacht sind. Nein, 12 müssen es sein, oder mindestens 10 sagen die einen, ich brauche nur 4 sagen die anderen. Und irgendwie hat keiner Recht. Die Mode von 8 Stunden Schlaf ist nämlich eine Mär der Industrialisierung. Die Fabrikbesitzer wollten damals ausgeschlafene Arbeiterinnen und Arbeiter. Also hatte man seinen Tag neu nach der Stechuhr zu richten und nicht mehr nach der Arbeit auf dem Felde und zu Hause.

Mann schläft auf Kette
http://www.ariva.de/schlafen_a159222

90 unterschiedliche schlafbezogene Störungen lassen sich heute definieren: Da gibt es die Insomnien, die Parasomnien und die Hypersomnien, das nächtliche Zähneknirschen, das Restless-Legs-Syndrom, die Schlafapnoe, die Narkolepsie, sonambulische Wanderungen und die gespenstischen REM-Schlafstörungen. Doch woher kommt dieses „neuzeitliche“ Phänomen der „Schlaflosigkeit“? Warum sind junge Menschen kaum aus dem Bett zu kriegen am Morgen und warum sind ältere Menschen ebenfalls wieder früher wach? Antworten dazu finden wir, ca. 2 Millionen Jahre zurückblickend in der Sippe: damals gab es keine Uhren, keine Tageszeiten und fixe Muster. Es wurde gelebt, gejagt, geschlafen und gewacht, zusammen gepackt und weitergezogen. Jede Altersgruppe hatte dabei ihre Aufgabe. So waren die „Teenager“ die besten Jäger, also bis spät in die Nacht noch unterwegs und am arbeiten – die Sippenältesten wiederum wachten über den Nachwuchs, während deren Eltern mit anderen Arbeiten beschäftigt waren. Was wir also erleben sind nicht anderes als evolutionäre Muster.

Untersucht man Schlafkulturen indigener Völker, etwa der in Botswana oder im Kongo, die Tagesschläfer in Indien oder sogar die (leider abgeschaffte) Siesta in Spanien: der Schlaf ist viel mehr in das soziale Leben eingebunden bei uns. Hier lässt sich das alte Muster sehr gut erkennen: Man schläft zumeist in Gruppen; Männer, Frauen, Kinder, Haustiere zusammen. Immer wieder stehe jemand auf, es gibt Wachpausen, Hühnergegacker, kurze Gespräche, Feuergeknister. Man lacht, schwazt, arbeitet und wenn man müde ist: legt man sich hin. So findet man zwar in unseren Breiten in den meisten Wohnungen und Häusern stets separate Schlafzimmer, das ist aber eine relativ neue Errungenschaft. Noch im späten Mittelalter schliefen viele Menschen gemeinsam in einem Raum, der nicht nur zum Schlafen, sondern auch zu vielen anderen Zwecken des Lebens und Beisammenseins diente. Berühmt ist der Schlafraum des französischen Königs Ludwigs XIV., der nicht nur die räumliche Mitte des Palastes, sondern so etwas wie das Herrschaftszentrum des Königreichs bildete. Das morgendliche »Lever du Roi« – der Empfang durch Seine noch im Bett ruhende Majestät – war das wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Tages.

Zurück zu unseren alten Mustern und warum wir oft nicht durchschlafen können (rund 40% der Erwachsenen „leiden“ darunter): Die meisten Menschen Westeuropas schliefen in den meisten Nächten in zwei längeren Zeitabschnitten, die von einer mindestens einstündigen Wachphase irgendwann nach Mitternacht unterbrochen war – um sic. „zu rauchen, nach der Zeit zu sehen oder das Feuer zu versorgen“. Was heute als schnöde Durchschlafstörung diagnostiziert wird, wäre demnach häufig nur eine Wiederkehr dieses alten Musters. Der nahtlose Schlaf, den wir heute anstreben, ist eigentlich demnach etwas Gemachtes, eine Erfindung der modernen Welt um ausgeschlafene Arbeiterinnen und Arbeiter in den Stollen oder in den Fabriken zu haben. Erfinder dieser Idee ist Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) seines Zeichens preussischer Leibarzt „Die Arbeiter sollten ausgeruht dem Rhythmus der Fabriken folgen können, ohne zwischendurch ein Nickerchen zu benötigen.“ Und so kommt es, dass manche damit besser klarkommen als andere, manche gar nicht und diese Menschen werden dann, zu Unrecht, als Faulpelze abgestempelt. Dabei ist es einfach nicht ihre Zeit um wach oder bei der Arbeit zu sein.

Darum fodern Schlafforscher seit einigen Jahren eine Abkehr von gesellschaftlichen Normen im Zeitalter der Wissensgesellschaft – die Industrialisierung haben wir schliesslich hinter uns gelassen. Das bedeutet den Alltag den Zielgruppen anzupassen, wie zum Beispiel dem realen Schlafverhalten von Jugendlichen: dazu müsste man den Unterrichtsbeginn nach hinten verlegen. Man könnte auch viele kleine Schlafpausen in U-Bahn und Büro einlegen – ein Bild, dass man übrigens in der S-Bahn nach 17Uhr oft sieht.

Und was spricht gegen die Siesta an langen Sommertagen? Fest steht: alle unglücklichen Schläfer schlafen schlecht, aber gut schlafen kann man auf viele verschiedene Weisen. Man muss nur seinen Rhythmus finden – und einen Arbeitgeber, der damit umgehen kann.

Übrigens: Frauen schlafen im Durchschnitt schlechter, wenn ein Mann im Bett ist, weil sie sich – so die evolutionspsychologische Spekulation – für ihn verantwortlich fühlen: „Schlafen beim Partner bedeutet für Frauen Schlafen an der Arbeitsstelle Familie“, sagen Forscher. Männer hingegen würden sich an die Ur-Rotte erinnern und denken: „Schön, da ist jemand, der auf mich aufpasst.“ Na dann: schlaft gut.

Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Tageszeit#Tageszeiten_des_Mittelalters_und_der_fr.C3.BChen_Neuzeit
http://www.pharma.uzh.ch/static/schlafbuch/KAP1.htm
http://www.sueddeutsche.de/wissen/nacht-und-geld-das-geschaeft-mit-dem-schlaf-1.1004359

3 Gedanken zu “Warum an 8 Stunden Schlaf nicht zu denken ist…

  1. Interessant, zusammengefaßt einen Überblick über Schlaf-Hintergründe zu bekommen. Ich könnte noch was beisteuern aus der Trad. Chin.Medizin: Ob jemand gut, schlecht, unruhig oder gar nicht schläft hängt dort u.a. mit dem energetischen Rhythmus der Organe zusammen, was sich in der Praxis bestätigt hat. Auch wird der Schlaf vor Mitternacht als wertvoll für die Regenerierung bestimmter innerer Substanzen angesehen.
    Herzliche Grüße aus englischen Schlaf-Paradies. Es regnet viel und oft auf der Insel und demzufolge kann viel und gemütlich geschlafen werden 🙂
    Christine

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  2. Na, das haut mich ja um! Diese Dame, Christine, traf ich hier bei mir in Cley next the Sea und nun treffe ich sie bei dir digital wieder. Kleine Welt.
    Liebe Grüße euch beiden von der übrigens jetzt sonnigen Küste
    Klausbernd
    Informativ ist dein Beitrag. Ich glaub`s schon, dass wir nicht für`s Durchschlafen gemacht sind, aber ich bin ein Durchschläfer, der stets zwischen 8 und 9 Stunden schläft, vielleicht da ich schlafen kann, wann ich will – und das ist meistens sehr spät.
    Liebe Grüße von sunny Norfolk (!) von
    Klausbernd und seine beiden Buchfeen Siri & Selma 🙂 🙂

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