Pensionskassen: Warum jetzt Zeit ist für den Zukunftsfond

Bereits am 13. Juli 2014 hatte ich über eine Motion berichtet, welche den Ständerat nur knapp verpasste: der Zukunftsfond. Mein Fazit damals: „(…) so kriegt man heute leichter einen Privatkredit zum abzahlen als einen Vertrauensbonus zum abarbeiten.“

Warum ich das Thema wieder aufgreife, begründet auf der derzeitigen Entwicklung durch die Aufhebung des Euro Mindestkurses durch die SNB und damit einhergehen die Negativzinsen der Nationalbank, welche sich nun auch auf die Sparvermögen auswirken. Denn seit der Aufgabe des Franken-Mindestkurses zum Euro und der Einführung von Negativzinsen durch die Nationalbank hat sich die Situation der Schweizer Pensionskassen massiv erschwert. Die Negativzinsen schmälern die Renditen und erschweren das Geschäft. So berichtet jüngst das SRF über Pensionskassen, welche das Geld sogar bei Sicherheitsfirmen deponieren möchten, weil eine Anlage „kostet“.

Wegen fehlenden Renditen greifen die Pensionskassen zu unkonventionellen Mitteln. Sie planen, Gelder teilweise als Bargeld zu horten. Zudem hat der Pensionskassenverband bei der Nationalbank beantragt, dass alle Pensionskassen einen Teil ihrer Gelder zu mindestens 0 Prozent deponieren dürfen.

Das ist umso tragischer, wenn man weiss, um wie viel Geld es sich hierbei handelt, denn basierend auf einer Studie von 2014 der Credit Suisse weiss man:

Gemäss den aktuellsten Daten aus dem Jahr 2012 über die berufliche Vorsorge in der Schweiz versichern etwas mehr als 2000 Vorsorgeeinrichtungen insgesamt über 3.8 Mio. aktive Versicherte und mehr als 1 Mio. Rentenbezüger (vgl. Abb. 1). Der Gesamtwert der Aktiven belief sich 2012 auf rund CHF 670 Mrd., womit die schweizerische berufliche Vorsorge im internationalen Vergleich relativ zur Wirtschaftsleistung eine hohe Bedeutung hat.

 

Also über 670 Milliarden Schweizer Franken, wovon nun zwei Drittel weggeschlossen werden sollen mit einer Nullrunde versehen – was de Faktor einer Entwertung gleich kommt – und das obwohl bereits 10% des Kapitals eingesetzt werden könnten um diese 9 von 10 Startups zu finanzieren die es eben nicht schaffen – damit das 1 von 10 das Portfolio um ein vielfaches wieder refinanziert – typisch Wagniskapital eben. Nur, die Schweiz ist ein Volk von Sparern, selbst wenn das Risiko klein gehalten und gemanaged werden könnte.

Denn wie die Baslerzeitung damals vorrechnete wurden 2012 rund CHF 428’571.- pro Startup investiert – wobei pro Startup falsch ist: es waren weniger als 100, nämlich deren 70 um genau zu sein – und das bei zig hunderten von Statups welche eine valable Chance auf Erfolg hätten – denken wir nur mal an die 100 besten Startups, welche selbst einige Finanzierungsrunden hinter sich bringen mussten.

Versteht mich richtig: ich bin nicht für einen Persilschein, nicht alle der rund 40’000 Neugründungen gehören finanziert, aber die Anzahl an Möglichkeiten von offiziellen Preis- und Fördergeldern ist weniger als ein Dutzend, kommen nochmals ein Dutzend verifizierte und valable Businessangels dazu – und selbst diese Hürden muss man nehmen um einen Bruchteil des nötigen Kapitals zu erhalten. Fakt ist: ein durchschnittliches Startup wird in 3 – 5 Jahren mit CHF 2 Millionen ausgestattet, ein Förderpreis bringt durchschnittlich CHF 50’000, ein Businessangel zwischen CHF 40’000 – 60’000 und eine Auszeichnung durch eine Hochschule vielleicht nochmals CHF 100’000 kumuliert – also 10% des nötigen Kapitals über die Laufzeit – woher kommt also der Rest?

“Gerade mal 300 Millionen Franken wurden 2012 in 70 Schweizer Start-ups investiert. Im vergangenen Jahr waren es mit 415,5 Millionen zwar deutlich mehr, aber noch lange nicht so viel wie im Jahr 2000, als fast 1,4 Milliarden Franken als Venturecapital vorhanden waren.” Im Gegensatz zu den USA sind das sprichwörtlich “Peanuts” oder Neudeutsch: kleine Brötchen: “(…) 2012 wurden total 26,5 Milliarden Dollar in Wagniskapital” investiert.

Würden nun wie oben beschrieben die schweizerischen Pensionskassen dasselbe tun wie unsere amerikanischen Startupförderer, könnten nach den Berechnungen von Simon Baby und den Ökonomen der Universität Basel (Studie) bis 2030 etwa 40 Milliarden Franken Risikokapital investiert werden. Was dabei der Staat liefern soll, bleibt im Papier zwar unklar, aber bei 2’000 Pensionskassen und einem entsprechenden Betrag von 2’000’000 je Kasse könnte man 10 Startups zu je 200’000 fördern (man beachte die 9:10 Quote) und man hätte dabei in einem Zug das verfügbare durchschnittliche Kapital verdoppelt!

Ist es eine Chance oder doch nur eine verrückte, noch nicht final gerechnete Idee?  Fakt ist, das Bundesamt für Statistik (BFS) liefert sehr genaue Angaben, wie viel Kapital denn verfügbar wäre. Und bezieht man sich auf die erwähnte Studie der Credit Suisse, so müssen nicht einmal ex orbitante Renditen erwartet werden: 4 – 5 % machen die Pensionskassen jährlich vorwärts – als reines Finanzinstrument, nun ergänzt mit der Möglichkeit Stellen-, also Arbeits(kraft)-Plätze zu schaffen, ist uns das etwas Risiko nicht wert?

Dabei zitiere ich gerne der österreichische Businessangel und Startupförderer Hansi Hansmann, der unlängst meinte, Europa verpasst definitiv den Anschluss und verschläft den Trend – wohl nicht zuletzt wegen fehlendem Wagniskapital.  Und damit schliesse ich auch schon wieder, mit einem Zitat von Hansi – bestätigt indirekt übrigens durch Klaus Hommels der Europas Investitionskultur ebenfalls anprangerte (wie ich hier berichtet habe). Hansi Hansmann also gehört das letzte Wort:

Europa hat mit seiner geschichtlichen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt einen unheimlichen Vorteil, den wir zu selten nutzen. Da können die Amerikaner, die Südamerikaner und die Asiaten nicht mit. Wenn wir versuchen, diese Eigenschaften zusammen mit dem vorhandenen Geld einzusetzen, die besten Köpfe Europas zusammenbringen, dann werden ganz sicher tolle Sachen entstehen, die nirgendwo sonst auf der Welt entstehen können. In der Technologie kann es schnell umschwenken, die USA übersehen einen Trend und Europa ist plötzlich wieder voll da. Aber es ist wahnsinnig spät dafür.

Ich freue mich über zahlreiche Feedbacks und Kommentare – hier und via Twitter @rogerbasler – vielen Dank.

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