Logos, Patos und Obolus

Die Griechen haben also Nein gesagt. Nein zu Sparmassnahmen und gleichzeitig Ja zu neuen Verhandlungen. Etwas paradox das Ganze oder? Und weil wir eigentlich alle Griechen sind, ist dieser Artikel auch gespickt mit ursprünglich griechischen Wörtern, sogenannten Gräzismen.

Ob Griechenland nun bald ein Exodus droht, kann man schwer abschätzen. Was man aber jetzt schon weiss: Politiker sind schlechte Ökonomen und Ökonomen sind offenbar schlechte Politiker. 2001 trat Griechenland der Europäischen Währungsunion bei und das schon zwei Jahre nach den 11 Gründungsmitgliedern. Die Drachme wurde an den Euro gebunden im Verhältnis 340,750 GRD = 1 EUR. 2002 wurde, gleichzeitig mit den anderen Euro-Ländern, das Euro-Bargeld eingeführt und die Drachme verschwand in der Versenkung und das eigentliche Trauma begann, denn die Drachme galt lange als sehr schwache Währung und der Kurs von 330 – 340 welcher angepeilt wurde, war mehr Wunschdenken, bei einer Entwicklung und starken Inflation: zwischen 1973 und 1995 betrug der jährliche Kaufkraftschwund mehr als zehn Prozent, in der Spitze lag er teilweise sogar über 30 Prozent.

Ein Artikel in der Finanz und Wirtschaft (fuw) fasste das damals eingeleitete Drama. Zu hoch lag schon damals das Niveau der Leitzinsen und die Teuerungsrate. Die Jahresinflation stieg im Dezember 2000 auf 2,7%. Die Inflation war schon damals steigend, der Wertezerfall also in vollem Gange. Rechnet man den Euro zurück, mussten zu Beginn der 80er-Jahre erst 62 Drachmen pro Euro bezahlt werden. Eine Dekade später wurden schon drei Mal so viele Drachmen fällig, und beim Beitritt zum Euro wurde der Einstiegskurs mit 340,75 Drachmen fixiert, dem Logos folgte der Patos – ähnlich wie letztes Wochenende ging es weniger um die wirtschaftliche Machbarkeit, als mehr um das aufeinander treffen zweier politischer Ansichten (hauptsächlich getrieben durch Sparsamkeit und Tugend – „deutschere“ Worte gibt es wohl kaum).

Und hier liegt auch das eigentliche Problem und meine Ausgangsaussage: die EU muss sich vielmehr überlegen, was sie ist: politische oder wirtschaftliche Union? In einem Startup-Fond von 10 Portfolio Unternehmen wäre das griechische Projekt eindeutig zu schwach und würde von den Rising Stars innerhalb der Gruppe um ein mehrfaches out-performed werden – was also tun? Sanieren? Abstossen? Das Produkt ist zwar gut und es funktioniert, aber innerhalb dieser Gruppe ist es gelinde gesagt eine Katastrophe.

Was passiert nun als nächstes? Vermutlich nicht viel ehrlich gesagt. Die Verhandlungen werden nun wieder aufgenommen – de facto fangen sie bei null an. Das dauert mindestens ein halbes Jahr. Ein Aufbau einer Parallelwährung mit Schuldscheinen wäre auch möglich, aber auch das dauert mindestens 6 wenn nicht sogar 12 Monate – genausolange übrigens, wenn die griechische Nationalbank neue Noten drucken müsste.

Da scheint es schon fast heroisch wie ein Engländer (man beachte die Ironie, da England sich nicht als Teil Europas per se fühlt) ein Crowdfunding Bail-Out eröffnet hat – demokratischer geht es nicht:

I started a crowdfunding campaign to try to rescue the Greek economy. Some basic maths told me that I only needed the entire population of Europe to donate €3.19 (£2.26) to reach the amount of the bailout fund. I included some nice perks for donating, including a Greek salad and holiday in Athens for two, and set up a page on IndieGoGo and a Twitter account.

Ein tolles Projekt, fast basisdemokratischer als die Abstimmung vom Sonntag – und das Resultat, so toll es ist, zeigt wohl auch, wie sehr die Lage die eigentliche Bevölkerung interessiert: mässig.

Das ist wohl auch die Quintessenz des Ganzen: das Problem ist nicht politisch, ist nicht ökonomisch, es ist strukturell und damit ein Mix von allem: eine Wirtschaft, welche gebremst durch schlechte Wirtschaftskonditionen, gebeutelt durch Zinszahlungen und deren politische Spitze verhandeln statt regieren muss, kann nicht aus dem Moloch kommen, in den sie (sich wohl auch selbst) gebracht hat, vor allem nicht, wenn den Leuten das Geld fehlt Essen zu kaufen, wie soll da die Wirtschaft angekurbelt werden? Ein Schuldenschnitt und ein Marshallplan zum Aufbau einer kompetitiven Wirschaft wäre wohl das einzig richtige, gemeinsam mit einem schrittweisen Rückzug aus dem Euro (als Währung), wer weiss, vielleicht wird ja Griechenland zum neuen Silicon Valley Europas – sie waren schon einmal Geburtstort unserer Demokratie, wer weiss, vielleicht auch ein zweites Mal.

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